...eine begonnene Sache zu Ende bringen.
Unter diesem Motto stand unsere diesjährige Pilgerfahrt.
Die Jugendlichen aus der Wohngruppe im Oberen Kreuzweg 5, die ja bereits vom letzten Jahr eine Ahnung hatten, was auf sie zukommen würde, waren sehr motiviert und die Stimmung war prima: Ankommen lautete die Parole.
Am 17. Juli 2008 ging es los und drei Wochen gemeinsamer Zeit lagen vor uns.
Doch obwohl wir ja nun erfahrene Pilger waren, sollte in diesem Jahr einiges anders werden.
Die erste Prüfung begann bereits auf heimatlichem Boden. Die meisten von uns sollten in Berlin-Schönefeld das erste mal ein Flugzeug besteigen.
Trotz des flauen Gefühls hatte der Flug auch schöne Seiten. So war es sehr beeindruckend über die Pyrenäen zu fliegen und die schneebedeckten Gipfel zu sehen.
Von der Megastadt Madrid aus ging es am nächsten Tag mit dem Zug weiter nach Leon, dem eigentlichen Ausgangsort unserer Pilgerreise.
Als wir in Leon wieder die ersten Muschelzeichen und gelben Pfeile als Wegweiser sahen, stellte sich ein sehr gutes und vertrautes Gefühl ein: Der Camino hat uns wieder.
Man kann es fast routiniert nennen, wie alle die täglichen Kilometer bewältigt haben. Es gab (fast) kein Klagen, der Tagesablauf war selbstverständlich und auch die z.T. heftigen Blasen (bis zu 7 an zwei Füßen) brachten nach einiger Zeit kaum noch jemanden aus der Ruhe.
Den Morgen begannen wir mit der Lesung eines besinnlichen Textes zur Pilgerschaft und mit einem Blick auf den Verlauf der anstehenden Etappe.
In den gemeinsamen Gesprächen unterwegs war deutlich zu merken, dass die Zeit nicht stehen geblieben war. Die Jugendlichen - und nicht nur die Mitarbeiter - sind ein Jahr älter geworden. Sie sind nun fast alle 17 oder 18 Jahre alt und die Themen: Wie wird es werden, wenn ich aus der Wohngruppe ausziehe? Und Wie komme ich auf eigenen Beinen stehend zurecht? standen oft im Fordergrund.
Sehr interessant war es zu sehen, wie die Jungs ganz eigene Fähigkeiten und Züge entwickelt hatten: einer war stets ehrgeizig und lief mit hohem Tempo allen davon, was ihm unter anderen Pilgern den Namen Speedy Conzales einbrachte; einer trottete seinen Weg in gemächlichem Tempo lang hin, bewies dabei aber eine ungeheure Ausdauer und Beständigkeit; einer sorgte engagiert für das Wohl der hungrigen Bäuche; ein anderer zeigte beachtliche Kommunikationsfähigkeiten in der fremden Sprache, und ein weiterer hat uns alle mit seiner Begeisterung für die Vegetation ein Stück angesteckt. Mit einem täglichen Tagesrückblick am Abend versuchten wir, uns über das auf dem Weg Erlebte auszutauschen.
Entgegen den Befürchtungen, dass wir uns dicht gedrängt mit unzähligen Menschen den Pilgerweg entlangschieben müssen, waren es nur Phasenweise größere Gruppen mit denen wir die gleiche Strecke gingen. Was wohl auch daran lag, dass das Netz der Herbergen dicht ist und viele Pilger bereits am 25. Juli, dem Tag des Heiligen Jakobus, in Santiago ankommen wollten, also vor uns auf dem Weg waren.
Neben Bekanntschaften mit Pilgern aus den Niederlanden, Österreich, Frankreich und aus Deutschland, ist ein Erlebnis herauszuheben. In La Faba, einem sehr kleinen Dorf etwa 170 km vor Santiago, kamen wir mit den beiden deutschen Hosteleras, die sozusagen die ehrenamtlichen Hauseltern der kleinen Herberge waren, ins Gespräch. Die beiden Frauen, eine Nonne und eine Rentnerin aus dem Rheinland, stellten fest, dass sie uns bereits im vorigen Jahr bei Pamplona gesehen hatten, als sie dort selbst ein Stück des Jakobsweges gegangen sind. Die Frauen haben uns alle sehr mit ihrer Art, mit den Berichten aus ihrer Lebensgeschichte und über ihren Glauben beeindruckt. Am Abend hielten wir gemeinsam eine von allen Beteiligten mitgestaltete Andacht in der angrenzenden Kirche. Dem herzlichen Abschied am nächsten Morgen folgte noch ein Widersehen in Santiago,
Je mehr wir uns Santiago näherten, umso größer wurden die Herbergen und auch unser Wunsch, endlich anzukommen.
Das Klima in Galicien ist pilgerfreundlich, nicht zu heiß und nicht zu trocken und zuweilen sehr wechselhaft.
So kamen wir nach Santiago bei strömendem Regen. Nach einer Verschnaufpause zum Abtrocknen und Aufwärmen, einem Cafe con leche und einem Croissant, ging es hinein in die Altstadt, direkt zum Pilgerbüro, wo es die ersehnten Pilgerurkunden gab.
Und dann standen wir, nass aber zufrieden, vor der Kathedrale. Zu dieser Zeit war die Stadt nicht überlaufen und wir erlebten zwei sehr entspannte Tage in der sehr schönen Altstadt von Santiago. Bei unserem zweiten Besuch einer Messe in der Kathedrale war es uns dann auch noch vergönnt, das berühmte botafumairo, ein ca. 60 kg schwerer Weihrauchkessel, durch das Kirchenschiff schwingen zu sehen.
Unser erstes Ziel war erreicht. Nun sollte es weiter gehen bis ans Ende der Welt.
Des Laufens müde und mit Sehnsucht nach Zuhause ging es weitere 100 km bis an das Kap Finisterre. Und wir taten uns ziemlich schwer, wieder in den Tritt zu kommen. Eine zunächst bewunderte Besonderheit der Region, nämlich Große Wälder von Eukalyptusbäumen, prägte nun weite Strecken unseres Weges. Doch die Pflanzen, die hier zur schnellen Holzgewinnung in eine unnatürliche Umgebung gesetzt wurden, verwuchsen nicht zu einer Einheit mit der heimischen Tier- und Pflanzenwelt und gaben ein trauriges, ja teilweise gespenstisches Bild ab.
So wurden der Weg zum Sinnbild für schwierige und triste Zeiten auf dem Weg zu einem ersehnten Ziel.
Nun war der Ausgang in unserem Fall allerdings sicherer als es oft im Leben ist. Wir erreichten den beschaulichen Fischerort Fisterra und verbrachten hier drei sehr angenehme Tage, zum Teil am Strand beim Volleyballspielen, zum Teil beim Beobachten der Fischer am Hafen und bei Kakao, Cafe con leche und Croissant in einem der Cafés am Ort.
Das Kap Finisterre, von dem aus sich der Blick auf den Atlantic auftut, nutzten die Jugendlichen und wir, um Abschied zu nehmen und Vergangenes hinter uns zu lassen.
Wir hatten das Begonnene zu Ende gebracht und wir alle spürten nach der gemeinsamen Zeit, dass der Alltag ruft und dabei noch viele Etappen bewältigt werden wollen.
In der Unruhe und Ablenkung des Alltags inne zu halten und Besinnung zu wagen, das haben wir gemeinsam praktiziert. Und wir hoffen, dass jeder einzelne diese Erfahrung, das Vertrauen und die Kraft, die wir alle daraus geschöpft haben, mit in den Alltag und die anstehenden Herausforderungen nehmen kann.
Bis zum Kap Finisterre haben wir gemeinsam bei recht spartanischer Ausstattung 400 km zu Fuß bewältigt. Und wir können jedem nur empfehlen: Geht mal ein Stück zu Fuß und beladet den Rucksack nicht zu schwer.




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