Modellprojekt - Jungenarbeit Sachsen

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Kalenderblatt Oktober 2007

In den Seilen…

Etwas hektisch sucht Daniel die nächste Stufe für den rechten Fuß. Es fällt dem hochgewachsenen 14-jährigen schwer, denn sein Oberkörper, den er krampfhaft an die Steilwand mit den künstlichen Klettergriffen aus Hartgummi presst, versperrt ihm jede Sicht nach unten. „Weiter rechts“, rufen die vier Jungen unter ihm, die Daniel nur aus dem offenen Kinder- und Familientreff „Fair Play“ kennt. Lion, der kleinste von allen, schaut kopfschüttelnd nach oben und flüstert: „Das schaff ich ja nie, nee, da geh ich nicht hoch“. Unterschiedlicher könnten zwei Jungs nicht sein: Der riesige, laute Daniel, der sich und seine Kräfte oft überschätzt und dagegen der 8-jährige Lion, der gerne wäre wie seine großen Brüder, sich aber oft nicht traut. Schließlich versucht Lion es doch und alle staunen, als der kleine Rotschopf wie eine Spinne an der Kletterwand entlang hangelt. Er schafft es sogar viel schneller als Daniel und man kann Lion förmlich ansehen, wie stolz er ist, als ihm der 14-jährige anerkennend auf die Schulter klopft. Dass sie auf dem Seilparcours so kameradschaftlich miteinander umgehen, war nach dem Gerangel bei den Vorbereitungen kaum zu erwarten. Wo beim Anlegen der Helme und Klettergurte oder bei den Sicherheitsübungen noch der eine oder andere ausgelacht wird und die Jungs mit Kraftausdrücken um sich werfen, scheint es plötzlich ein unsichtbares Band zwischen ihnen zu geben. Jede noch so kleine Aktion in den Seilen wird von allen mit Beifall bedacht, besonderer Mut wird mit anerkennendem Staunen belohnt, aber auch Mutlosigkeit wird respektiert und gegenseitige Unterstützung wird zur Selbstverständlichkeit. Und das alles funktioniert hier oben fast ohne, dass ein Betreuer vermittelt. Schließlich nehmen fünf Jungen stolz ihre Urkunden in Empfang und auf der Heimfahrt herrscht Stille im Bus. Alle hängen Ihren Gedanken nach. Wenn es auch nur ein kurzes Erlebnis war, wird klar, dass sich Lion und Daniel in Zukunft mit anderen Augen sehen werden.

Sebastian Kubasch
(Modellprojekt Jungenarbeit im Deutschen Kinderschutzbund Zittau)


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